Adolf-Reichwein-Grundschule Beltheim

 

Reichweinpädagogik 

 

 

 

Bildnachweis: A. Reichwein, Schaffendes Schulvolk, Ausgabe Westermann 1962, S. 35

 

Adolf Reichwein

Adolf Reichwein wurde 1898 in Bad Ems geboren. 1921 promovierte er nach dem Studium der Geschichte, Philosophie und Volkswirtschaft. 1930 nahm er eine Professur für Geschichte und Staatsbürgerkunde an der Päd. Akademie Halle an. Nach drei Jahren Lehrtätigkeit wurde er aus diesem Amt entlassen. Am 1. Oktober 1933 übernahm er die Lehrerstelle an der einklassigen Dorfschule in Tiefensee, einem Dorf in der Nähe von Berlin. Der Ort hatte damals 270 Einwohner und ca. 40 Schulkinder. Seine Arbeit dort dauerte bis zum 15. Mai 1939. In den sechs Jahren seiner Lehrertätigkeit hat er eine beispielhafte Reformschule im Sinne von Humanität und Demokratie entwickelt, in den Schriften „Schaffendes Schulvolk“ (1937) und „Film in der Landschule“ (1938) hat Reichwein darüber berichtet. Reichwein hatte nach 1940 Verbindungen zum sog. „Kreisauer Kreis“; er wurde 1944 verhaftet und in Berlin-Plötzensee hingerichtet.   Im Klappentext zur SSV-Ausgabe von 1962 (Westermann) heißt es: "Die Einsichten, Erfahrungen und Ratschläge gelten heute unvermindert für jeden Lehrer, der seine Kinder zu geistiger Lebendigkeit, zu Gemeinsinn und Freiheit erziehen will."  Auch 2010 ff. !!   

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zu den Bildern:  

Arbeit mit dem Naturstoff Ton       Im Oktober 2011 begann das erste Klassenvorhaben im Sinne der "Sprache der Hand" (Kl. 4b). Im Lauf des Schuljahres werden alle Klassen der gemeinsamen Absprache mit Frau Barden entsprechend eines oder mehrere Vorhaben durchführen.  Die Kinder der Kl. 4b brachten von zu Hause kleine Messer, Küchenrollen und Handtücher mit, um dann den Werkstoff auf die Handtücher zu werfen (!), zu rollen, auszustechen, zu formen, zu beschriften und geordnet abzulegen. Das Bemalen erfolgte in einer weiteren Einheit nach dem Brennen.  Eine Kollegin der ersten Klasse merkte im vergangenen Schuljahr an, dass die Kinder begeistert waren, sie wollten gar nicht mehr mit dieser Arbeit aufhören. Hier zeigt sich die Menschlichkeit ganzheitlicher Pädagogik, jenseits aller wissenschaftlichen Erfassung in Zahlen und Tabellen.  Und noch etwas: Der Werkraum ist in unserer Schule auch nach dem Umzug in den DG-Raum nicht Anhängsel mit allerlei handwerksorientierten Raritäten, sondern ein Mittelpunkt: Zwei neue Werkbänke wurden angeschafft, die lange Hauptbank hat Hausmeister Steffen überarbeitet, die Werkzeugsammlung ist übersichtlich in Spezialschränken deponiert. In diesem Raum arbeitet man gerne, manchmal auch außerhalb des Werkunterrichts. So sind die "Wackelzähne" des Kindergartens Beltheim einmal in der Woche in diesem Raum, sogar eine Gruppe des Studienseminars ist gelegentlich dort zu Gast.            E. Dietrich

  

 

               

Bildnachweis: A. Reichwein, Schaffendes Schulvolk, Ausgabe Westermann 1962, S.163

Die folgenden Bereiche der Arbeit im Sinne Reichweins sind wichtig (wenn man sie im Hinblick auf die Schulentwicklung zur Kenntnis nimmt):
  • Gemeinschaftsvorhaben  (Verlaufsklarheit, gemeinsame Absprachen, Initiative, Gruppenarbeit, Helferprinzip, Präsentationen -empfohlen!)            
  • Selbständigkeit/Selbsttätigkeit (z.B. Arbeit mit den Materialien von N. Sommer-Stumpenhorst   -verbindlich!)
  • Handarbeit mit Naturstoffen (Holz und Ton -verbindlich! - Wolle  -empfohlen!)
  • Arbeit im Freien (Naturerkundung, Geländepflege, Lese- und Malgruppen,   -empfohlen!)
  • Mitgestaltung der Lernumgebung (Treppenhaus, Windfang, Flur,  -verbindlich)
  • Einbindung von Eltern, Handwerkern, Fachleuten in die Unterrichtsarbeit (-empfohlen!)
  • Fahrten und Wanderungen (Tagesfahrten, Aufenthalte in Jugendherbergen, Wandertage -verbindlich!)
  • Aktionen der Schulgemeinschaft (Feste, Feiern, Sportveranstaltungen        -verbindlich)

 

Empirie und Hermeneutik 

von Ewald Dietrich

Die links aufgeführten Bereiche sind u.a. Teile des vor Jahren in Gruppen erarbeiteten Schulprogramms, das im AQS-Bericht (2010) u.a. nicht dargestellt wird.  Eine Schule entwickelt über die Jahre trotz möglicher innerer widerstrebender Meinungen einen dialektisch fortschreitenden Prozess, der sich z.B. in Vorhaben/Aktionen der Schulgemeinde  manifestiert und auch Unterrichtsarbeit darstellt, die nicht mit Evaluationsinstrumenten empirisch ausgerichteter Erkenntnistheorie gemessen werden kann; die Schulchronik weist für unsere Schule vieles nach.  Schon die Gestaltung von Treppenhäusern und Fluren zeigt, ob man sich in einer Schulgemeinde- oder Finanzamtsatmosphäre befindet. Äußere Evaluation sollte auch davon Kenntnis nehmen. Es nützt wenig, am Ende eines Gesprächs die rhetorische Frage nach der Reformpädagogik zu  stellen, wenn man vorher nicht danach gesucht hat. Der empirische Ansatz zur Erkenntnis von Sachverhalten relativiert sich beim Umgang mit Menschen, der hermeneutische Ansatz bezieht diesen Sachverhalt ein: Der Götterbote Hermes brachte den Menschen die Erkenntnisse über den Götterhimmel, jedoch nur in Teilen. Etwas bleibt der menschlichen Erkenntnis entzogen, trotz einer Masse an Datenmaterial. In der philosophisch orientierten Wissenschaft sind übrigens beide erkenntnistheoretischen Ansätze anerkannt.